„Die Welt in der wir leben ist geprägt davon, dass überkommene Zugehörigkeiten zerrissen sind und wir uns vereinzelt und auf uns allein gestellt zurecht finden müssen. Unsre natürlichen Abhängigkeiten sind uns fremd geworden. Überwiegend leben wir in städtisch abgehobenen, ja, immer mehr in virtuellen Welten. Wir haben es schwer, ein inneres  Zuhause zu finden. Unser Alleinsein kann uns in Angst und Haltlosigkeit stürzen. Kann es uns auch Gutes eröffnen? Im Alleinsein erfährt sich jeder von uns als Ich, das sich in Einmaligkeit abhebt von allen und allem Anderen. Indem unsre Erfahrung und unser Wissen aber bezeugen, dass wir bedingt sind von den Dingen und Menschen um uns her , und dass wir Anfang und Ende haben, stößt uns diese Wahrnehmung auf eine geheimnisvolle  Widersprüchlichkeit unsres Lebens: Ich und Welt bilden für uns eine gegensätzliche, jeweils eigene Wirklichkeit. Im Alltag überspiele ich das unbekümmert. Aber in stillen Momenten erscheint es mir unbegreiflich. Manchmal aber fließt das Gegensätzliche zusammen und ich fühle eine tiefe Verbundenheit, eine umfassende Einheit mit der Welt die mich umgibt. Diese Verbundenheit, als tiefe Geborgenheit zu erleben, ist meine religiöse Erfahrung. Sie kann nicht mit Worten und Regeln beschrieben oder erzwungen werden. Eine Lebensweise der praktizierten Verbundenheit kann sie vielleicht bestärken. Eine Zeit der Besinnung kann sie vielleicht lebendig halten. Aber andere können sie nur teilen, indem sie auf ihre eigene Erfahrung schauen. Sind sie ähnlich, dann sind wir eine Religionsgemeinschaft. Manchmal hab ich das Bedürfnis, dieses All-Eine anzureden; dann sage ich Du, Gott! Aber ich weiß, das ist nur mein Bild. Manchmal spüre ich eine innige Berührung mit dem Leben und den Dingen um mich her; dann schweige ich in andächtiger Schau. Aber ich weiß, ich sehe nur mein Bild. Manchmal  spüre ich mich selbst als Teil des All-Einen; dann weiß ich mich gerufen und getragen zugleich, - gerufen, es mit zu gestalten, getragen, von ihm mein Leben gestaltet zu sehen. Aber ich weiß, das ist nur meine Vorstellung.  Und manchmal erscheint mir die Einheit nur als nüchterner Gedanke; dann sehne ich mich nach einer Gemeinschaft von Menschen, denen das Eine, die Unitas, heilig ist, die zusammenkommen, es lebendig zu halten und zum Ankerpunkt unsres Denkens und Handelns zu machen. Das ist der Grund, warum ich bei der kleinen Religionsgemeinschaft der Unitariern bin.“

Aus dem Artikel von Jochen S.  "Der Kern meines unitarischen Glaubens" (Unitarische Blätter 01/2017-S.11)