Geschichte der Deutschen Unitarier

In Deutschland konnten sich im 16. und 17. Jahrhundert keine unitarischen Gemeinden bilden, weil die Obrigkeiten Kritiker des Trinitätsdogmas schonungslos verfolgten. In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts entstanden liberale, undogmatische christliche Gemeinden (z.B. die „Deutschkatholiken“), die sich von den Großkirchen trennten und 1859 den „Bund freireligiöser Gemeinden Deutschlands“ (BFGD) bildeten. Im Laufe des 19. Jahrhunderts lösten sich diese Freireligiösen immer mehr vom Christentum und näherten sich dem Pantheismus an.

Gleichsam als Nachzügler der freireligiösen Bewegung wurde 1876 in Rheinhessen die „Religionsgemeinschaft Freier Protestanten“ gegründet. Ihr Leiter Rudolf Walbaum nahm 1910 Verbindung zu den amerikanischen Unitariern auf. Walbaum bekannte sich zu den drei Hauptprinzipien des internationalen Unitarismus: vollständige geistige Freiheit, uneingeschränkter Gebrauch der Vernunft in der Religion und großzügige Toleranz gegenüber anderen Religionen. Diese Prinzipien verknüpfte er mit pantheistischem Glauben: eine Verbindung, die für viele Unitarier auch heute noch wichtig ist.

In den Jahren nach 1945 breiteten sich die „Freien Protestanten“ mit dem Untertitel „Deutsche Unitarier“ mit Billigung der amerikanischen und englischen Unitarier über das Stammland Rheinhessen hinaus weiter aus. 1950 nannte sich diese Gemeinschaft um in „Deutsche Unitarier Religionsgemeinschaft“ und bildete damit die Basis für die heutige Gemeinschaft in Deutschland.

Zeittafel zur Geschichte der Deutschen Unitarier

  • 1876, Gründung der Religionsgemeinschaft „Freie Protestanten“ in Rheinhessen
  • 1877–1892, Christian Elßner Pfarrer der freien Protestanten
  • 1882, Herausgabe der „Materialien zum Religionsunterricht und zur Selbstbelehrung für Schule und Haus in den freien protestantischen Gemeinden“ von Christian Elßner
  • 1902, Eintrag der „Religionsgemeinschaft Freier Protestanten“ ins Vereinsregister Worms
  • 1909–1948, Rudolf Walbaum Pfarrer der freien Protestanten
  • 1911, Die Zeitschrift „Der Freiprotestant“ erhält den Untertitel „Deutsch-unitarische Blätter“ (nach Teilnahme Rudolf Walbaums am „Weltkongress für freies Christentum und religiösen Fortschritt“, Berlin 1910)
  • 1926, Die freiprotestantische Zeitschrift erhält den Titel „Deutsch-unitarische Blätter“
  • 1927, Gründung des „Deutschen Unitarierbundes für freie religiöse Kultur“ in Frankfurt am Main
  • 1935, Die Freireligiösen Gemeinden und der Deutsche Unitarierbund werden verboten.
  • 1946, Ausdehnung der Religionsgemeinschaft Freier Protestanten auf das Gebiet aller vier Besatzungszonen Deutschlands
  • 27.9.1947, Erstes überregionales Treffen von Vertretern der alten und neuen Gemeinden auf dem Klüt bei Hameln
  • 19.9.1948, Gemeinsame Generalversammlung der alten und neuen Gemeinden in Eppelsheim und Verabschiedung der Einigungserklärung zum Unitarismus („Eppelsheimer Formel“)
  • 11./12.2. 1950, Erste Hauptversammlung der Deutschen Unitarier nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland in Hameln. Namensänderung in „Deutsche Unitarier Religionsgemeinschaft“ mit Wahlzusatz „Freier Protestanten“.
    Die Organisation nach neuer Satzung entspricht der föderativen Gliederung der Bundesrepublik Deutschland
    Die Zeitschrift „Glaube und Tat – Deutsch-unitarische Blätter“ erscheint fortan in regelmäßiger Folge.
  • 1954, Überwiegender Austritt der rheinhessischen Urgemeinden und deren Neuorganisation als „Humanistische Gemeinschaft freier Protestanten“ (Namensänderung seit 1996)
  • 1955, Der Arbeitskreis für Grundsatzfragen „Klütkreis“ wird in den „Geistigen Rat“ von gewählten Vertretern der Landesgemeinden umgewandelt
  • 1956, Die Jugend organisiert sich im eigenständigen „Bund Deutsch-Unitarischer Jugend“ (BDUJ)
  • 1957, Verabschiedung der ersten „Leitgedanken“ als gemeinsame religiöse Aussage
  • 1968, Einführung des Unitariersymbols der „Einheit von Werden und Vergehen im Kreise des Alls“
  • 1969, Beitritt zum Weltbund für Religiöse Freiheit (International Association for Religious Freedom - IARF)
  • 1977, Die neuformulierten „Grundgedanken“ lösen die „Leitgedanken“ als gemeinsame religiöse Aussage ab
  • 1978, Die Zeitschrift „Glaube und Tat – Deutsch-Unitarische Blätter“ erhält den Titel „unitarische blätter – für ganzheitliche Religion und Kultur“
  • 1987, Abspaltung der völkisch-pantheistischen „Arbeitsgemeinschaft Europas eigene Religion“, die sich später „Bund Deutscher Unitarier, Religionsgemeinschaft europäischen Geistes“ nennt.
  • 1990, Ausrichtung des IARF-Weltkongresses in Hamburg
  • 1995, Gründungsmitglied des unitarischen Weltbundes International Council of Unitarians and Universalists (ICUU) in Essex (USA).  Überarbeitete Fassung der „Grundgedanken“ als gemeinsame religiöse Aussage verabschiedet
  • 2003, Erste gemeinsame Veranstaltung („Fall Retreat“) mit den European Unitarian Universalists (EUU)

Die Zeittafel wurde ursprünglich von Dr. Rudolf Beinhauer zusammengestellt