Aufarbeitung unserer Geschichte

Die geistesgeschichtlichen Wurzeln der Unitarier gehen zurück auf Strömungen gegen das Dogma der Dreifaltigkeit in der Reformationszeit, auf den Pantheismus des 17. Jahrhunderts und auf die Aufklärung des 18. Jahrhunderts.

Ähnliche Glaubensgemeinschaften entwickelten sich auch unabhängig von der europäischen Entwicklung in anderen Ländern und zu anderen Zeiten.

Die "Deutsche Unitarier Religionsgemeinschaft" entstand aus der „Religionsgemeinschaft freier Protestanten“, die sich 1876 in Rheinhessen gründete. Seit 2015 führt sie den Namen "Unitarier - Religionsgemeinschaft freien Glaubens".

Worms 2015

DEUTSCHE WEGE IN UNITARISCHER GESCHICHTE

Überarbeitete Fassung eines Vortrags, gehalten auf dem Unitariertag 2015 in Worms

SPUREN LESEN - WEGE BAHNEN

(Unitarische Blätter 04 2015, S.164ff)


Einleitung

Uns deutschen Unitariern wird schon seit längerem vorgeworfen, wir hätten bislang versäumt, die Geschichte unserer Gemeinschaft angemessen aufzuarbeiten, und wir würden uns unberechtigt auf eine freiprotestantische Tradition seit 1876 berufen. Um auf den zweiten Vorwurf antworten zu kön­nen, wäre es erforderlich, erst einmal Einigung darüber zu erreichen, welche „freiprotestanti­sche Tradition“ damit überhaupt gemeint ist. Aber lassen Sie mich diesen Punkt vorerst noch zurückstel­len. Zum ersten Vorwurf ist klar zu antworten: Ja, wir haben erst jüngst begonnen, die fälli­ge Auf­arbeitung zu leisten. Zwar gab es schon verschiedene Ansätze, die Geschichte, insbesondere seit 1945, aus einer Innensicht zu beschreiben – als Beispiele seien die Arbeiten von Ehrlicher, He­gels und Zimmermann sowie Kahl erwähnt –, aber eine umfassende und hinreichend neutrale - vor allem aber kritische - Darstellung fehlt noch. Es bleibt aber zu fragen, ob wir dies überhaupt selbst leisten können. Ich selbst bin kein Historiker, aber die Frage: „Was sind eigentlich die ge­schichtlichen Hin­tergründe der Gemeinschaft, der ich seit gut zwanzig Jahren angehöre?“, hat mich in den letzten Jahren nicht mehr richtig losgelassen. Daher habe ich insbesondere im Vorfeld der Göttinger Ta­gung 2012 angefangen, das verfügbare Material zu sichten und mit einem kri­tisch-neugierigen Ab­stand zu beurteilen. Wenn wir heute auf die vor uns lebenden Generationen schauen, empfinden wir eine gewisse Überlegenheit. Insbesondere wenn wir die aus heutiger Sicht teils kuriosen Lebenswe­ge der vor der Jahrhundertwende geborenen Generation betrachten, die in ihrer Zeit verhafteten Texte in einer von uns als altertümlich empfundenen Sprache lesen und ihr Handeln wie auch ihre Gedan­ken, Ideen, Ideale mit unserem heutigen Wissen kritisch bewerten. Der norwegische Schrift­steller Karl Ove Knausgård beschreibt dazu in einem seiner Romane, dass weltanschauliche Positio­nen nicht immer diametrale Gegensätze zueinander sind. Der eigentliche Kampf der Ideen, der letztlich zum Primat von Charles Darwins Evolutionstheorie geführt habe, hatte viel früher stattge­funden. Die alternativen Erklärungsmodelle zur Geschichte des Lebens – der biblische Schöpfungs­mythos und der naturwissenschaftliche Ansatz – existierten zu jener Zeit Seite an Seite nebeneinan­der; „nicht nur innerhalb einer Kultur, sondern auch innerhalb eines Menschen.“ Uns fällt es heute schwer, uns ein klares Bild davon zu machen, was diese damals lebenden Menschen dachten, denn sie dachten gewiss anders über die Welt und über sich selbst, als wir es heute tun. „Eines Tages in ein paar hundert Jahren werden uns die Menschen der Zukunft auf die gleiche Weise betrachten“, resümiert Knausgård. „Was für uns augenfällige Wahrheiten sind, was uns so selbstverständlich er­scheint, dass wir nicht einmal einen Gedanken daran verschwenden, denn wir sehen es doch, so ist es doch, wird ihnen vollkommen unverständlich sein. Vielleicht werden sie über uns lachen, viel­leicht werden sie uns faszinierend finden, womöglich sogar sagen, dass sie Respekt vor uns haben, aber was immer sie sagen mögen, sie werden sich uns überlegen fühlen. Denn sie wissen. Denn sie sehen.“ Siebzig Jahre liegen das Kriegsende und die Befreiung von der Nazidiktatur nun zurück. Nach Knausgårds Zeitraster von Jahrhunderten haben wir uns noch nicht sehr weit davon entfernt, dennoch möchte ich heute über „deutsche Wege in unitarischer Geschichte“ berichten und Spuren aus dieser gar nicht so fernen Zeit vorstellen, die aber schon heute nicht mehr leicht zu finden, ge­schweige denn zu lesen sind. Mein Ziel heute ist es nicht, die großen Linien der unitarischen Ent­wicklung nachzuzeichnen, sondern mich heute am Beispiel einiger Personen auf besonders pre­käre Aspekte unserer Gemeinschaftsentwicklung zu konzentrieren. Ich habe mich bemüht, die zugängli­chen Informationen so nüchtern wie möglich darzustellen und auszuwerten. Es ist meine feste Über­zeugung, dass nur mit einem ungetrübten Blick zurück ein klarer Blick voraus möglich ist. Nur wenn wir uns auch unliebsamen Begebenheiten stellen, diese aufarbeiten und uns dazu be­kennen, werden wir frei für eine neue, unbeschwerte Entwicklung sein.

Viele haben mich dabei unterstützt und mir Material zugänglich gemacht. Ich möchte für die „In­nensicht“ stellvertre­tend hier Hans-Dietrich Kahl nennen, den ich als einen der letzten Zeitzeugen auch davon überzeu­gen konnte, die 1989 von ihm verfasste Rückschau „Strömungen“ noch einmal zu überarbeiten und erheblich zu ergänzen. Für die „Außensicht“ danke ich insbesondere Ulrich Nanko und Christoph Knüppel, die mich auf verschiedene Quellen und Zusammenhänge hingewiesen haben. Und nicht zuletzt danke ich auch Ali Gronner, der freundschaftlich, aber nachhaltig, diese Aufarbeitung immer wieder angemahnt hat.


1950: Zäsur oder Kontinuität?

Die Frage von Zäsur oder Kontinuität stellte sich insbesondere im Jahr 1963 im Zusammenhang mit dem überraschenden Tod von Reinhold Stark. Er war Pfarrer der Unitarischen Religionsgemein­schaft – Freie Protestanten in Alzey, einer Kleinstadt mit heute rund 18.000 Einwohnern zwischen Kaiserslautern und Mainz. In einer kirchlichen Zeitschrift erschien ein Artikel, in dem der Eindruck erweckt wurde, es habe einen signifikanten Wechsel in der Ausrichtung der Alzeyer Gemeinschaft gegeben – unter Walbaum bis 1948 noch eine „irgendwie“ christliche Gemeinschaft und dann ein plötzlicher Kurswechsel. Das ist übrigens auch das Bild, das an anderen Stellen aufscheint: Nach Walbaums Tod, so die häufige Lesart, veränderte sich die Ge­meinschaft schlagartig, weil andere „Kräfte“ die Führung übernommen hätten. Die Interpretation dieser vermeintlichen Zäsur reicht bis zur Vermutung, die Gemeinschaft sei nach dem Krieg von Nazis unterwandert worden und infolge­dessen eine „faschistische Tarnorganisation“ oder auch eine „Nazi-Sekte“ geworden. Zumeist wird uns aber vorgeworfen, wir würden bis in die heutige Zeit eine völkischreligiöse Weltanschauung pflegen. Was bedeutet eigentlich der Begriff „völkisch“? Lassen Sie mich eine kurze Skizze wagen: Das erst 1871 gegrün­dete Deutschland bestand zuvor aus kleinen und kleinsten Staatsgebilden mit jeweils eigener Zoll­hoheit. Anders als in modernen Nationalstaaten wie Frankreich und England war somit lange Zeit unklar, wer „Deutscher“ war. Daraus entwickelte sich die politische Vorstel­lung, die deutschsprachi­ge Bevölkerung Mitteleuropas bestehe zumindest in einer Kulturnation und müsse in einer das ge­samte „deutsche Volk“ umfassenden Nation vereint werden. „Volk“ konnte so­mit kein historischer Begriff mehr sein, sondern musste sich aus gemeinsamen ideellen Werten ab­leiten lassen. Histori­sche Vergangenheit wurde dabei durch einen Volksmythos, also durch eine symbolische Figur, zu etwas, an das sich die Erinnerung heften kann. Die Idee, dass Menschen nach wissenschaftli­chen Maßstäben einer Rasse zu geordnet werden können und sich darüber in höher- und minderwer­tige Menschen einteilen lassen, war in den 1890er Jahren ebenfalls weit verbreitet. Im Fall der Deutschen sollten sie dem Mythos nach von den heidnischen Germanen und den indo­germanischen Ariern abstammen. Das Ideal einer deutschen Gesellschaft auf der Grundlage einer „germa­nisch-christlichen“ oder „neuheidnisch-arteigenen“ Religion war in bestimmten bürgerlichen Kreisen bis in die Zeit des Dritten Reiches hinein ebenso weltanschaulich en vogue wie die damit einhergehen­de Abwertung alles „Jüdisch-Semitischen“. Damit haben wir die zentralen Elemente ei­nes völki­schen Weltbildes beisammen: „ein Volk, ein Reich, ein Glaube“. Bevor ich näher auf die schon erwähnte Zäsur eingehe, in der sich die Gemeinschaft so dramatisch verändert haben soll, er­lauben Sie

mir zuvor noch einen genaueren Blick auf die Person, die die Alzeyer Freiprotestanten zwischen 1909 und 1948 als ihren „Geistlichen Leiter“ beschäftigten.


Rudolf Walbaum

Rudolf Walbaum wurde 1869 in Egestorf geboren, studierte später Theologie und wurde zunächst Hilfs­pfarrer in der Provinz Hannover. 1901 wurde er Vikar in Wiener Neustadt in Niederösterreich, um dort die „Los von Rom“Bewegung zu unterstützen. Diese propagierte aus politischen Gründen den Übertritt aus der römisch-katholischen Kirche in die evangelische oder alt­katholische Konfessi­on. Durch die Bewegung bekam die evangelische Kirche in Österreich einen gewissen deutschnatio­nalen Einschlag, dem sich vermutlich damals auch Walbaum nicht ent­ziehen konnte. 1903 wechselte er als Pfarrer nach Nordböhmen und nahm 1907 als Vertreter des li­beralen Protes­tantismus am In­ternationalen Freidenkerkongress in Prag teil. 1909 bewarb er sich dann erfolgreich auf die vakant gewordene Pfarrstelle der Religionsgemeinschaft Freier Protestan­ten in Alzey, deren Mitglieder er als „besonders freigesinnte[n] deutsche[n] Menschenschlag“ cha­rakterisierte. Dafür sei die „eigen­tümliche Rassenmischung seiner Bewohner“ mit ursächlich. Dass Walbaum diese Worte so auf dem Internationalen Weltkongress für freies Christentum und re­ligiösen Fortschritt 1910 in Berlin wähl­te, macht deutlich, dass ihm das Rassedenken nicht fremd

war – und vielen seiner Zuhörer vermutlich auch nicht. Als liberaler Theologe wünschte sich Wal­baum eine Säkularisierung – also „Verweltlichung“ – religiöser Lebensinhalte; Religion solle Teil des täglichen Lebens sein und nicht maßgeblich in der Kirche stattfinden. Das Freiprotestantische bot dafür eine gute Grundlage: „Grundlage unseres Glaubens kann uns im letzten Grunde weder die Bibel noch irgendeine menschliche Autorität sein, und sei sie noch so groß, sondern nur die Offen­barung Gottes in uns, wie solche es auch für die religiösen Genien der Menschheit war.“ Wah­res re­ligiöses, sittliches Leben im Einklang mit der fortschreitenden wissenschaftlichen Forschung sowie der gesamten Kulturentwicklung der Gegenwart, das – so steht es in der Satzung – ist der Zweck der Gemeinschaft. Als Pfarrer wollte Walbaum aber auch nicht, dass die Gläubigen dem Christen­tum „verloren“ gehen. Um auch Gleichgesinnten außerhalb der rheinhessischen Ge­meinden eine Form der Mitgliedschaft in seiner Gemeinschaft zu ermöglichen, hatte Walbaum ei­nen so genannten „Freien Freundeskreis“ ins Leben gerufen. Walbaum erhoffte sich, damit die Reli­gionsgemeinschaft Freier Protestanten auf das gesamte Reichsgebiet auszudehnen. Als angestellter Pfarrer verdiente Walbaum seinen Lebensunterhalt mit dieser Tätigkeit, damit war er nicht unabhän­gig, sondern der Gemeindeführung gegenüber rechenschaftspflichtig. Auf unangemessenes Verhal­ten ihres Pfarrers hätte die Gemeinde vermutlich entsprechend reagiert – im schlimmsten Falle wäre Walbaum wohl entlassen worden. Nach 1910 erfahren die christlich orientierten Freiprotestanten of­fenbar Unter­stützung durch die amerikanischen Unitarier. In diesen Jahren sind die Alzeyer in ihrem unitari­schen Denken auch deutlich amerikanisch geprägt: „Gründen wir doch unitarische Mustergemein­den nach amerikanischem Modell!“ heißt es 1911 in der ersten Ausgabe der von Wal­baum verlegten Zeitschrift "Der Freiprotestant. Deutsch-unitarische Blätter". Als die Unterstützung aus Übersee mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges endet, wendet sich Walbaum der freireligiö­sen Bewegung zu, in der es neben freigeistigen Gruppierungen auch solche mit einer eher christli­chen Orientierung gibt. Spätestens seit 1930 suchte Walbaum gezielt Verbindungen zu völki­schen Kreisen. Im August 1932 nahm er zusammen mit Jakob Wilhelm Hauer an der von Friedrich Schöll initiierten Arbeits­gemeinschaft Vogelhof teil. Walbaum erhoffte sich die „Zusammenar­beit aller reli­giösen Gemein­schaften in unserem Volke“, in der Form eines „Interkonfessionellen Bruderbundes deutscher Le­bensglaube“. Er sah insbesondere in Hauer einen religiösen Führer, der in der Lage sei, „unter­schiedliche, religiös-liberale oder völkisch-religiös eingestellte Menschen dazu zu bringen, sich zu­sammenzuschließen“. Nachdem Walbaum aber erkennen musste, dass die Bereitschaft zu ei­ner überkonfessionellen Zusammenarbeit nicht bei allen Religionsgemein­schaften vorhanden zu seien schien, konzentrierte er sich auf ein vermeintlich greifbareres Ziel: die „Gründung einer freigläubig­en deutschen Reichsgemeinde“ als gleichberechtigte Kultusorganisation neben der katholi­schen und der evangelischen Kirche. Diese soll sich durch die „Gewinnung [religiös orientierter] freireligiöser Gemeinden […] als Grundstock“, dann mit weiteren Glaubensgemeinschaften, insbe­sondere solcher mit „nationaler und rassischer Prägung“ zu einer übergreifenden Vereinigung zu­sammenschließen. Dazu versucht er, Anfang 1933 einen überkonfessionellen Ring religiöser Revo­lutionäre zu grün­den, um die „christlich-radikalen politisch religiösen Randgruppen der völkischen Bewegung und der Jugendbewegung“ zusammenzuführen. Als dieser Ring religiöser Revolutionäre nicht zustande kam, gründete Walbaum die Idealistische Bewegung Deutschlands als „Jugend- und Volks-Bruder­schaftsbund deutscher Lebensglaube“, in der Absicht, diese dem Ring später anzu­schließen. Letzt­lich realisierte sich dieses Konzept aber erst in der Stillen Front - Pioniere der drit­ten Kirche, einer Gruppierung, die eine kirchlich-religiöse Einheit des deutschen Volkes anstrebte und deren Führung Walbaum im April 1933 anvertraut wurde. Im August 1933 nimmt Walbaum dann an der Eisenacher Gründungstagung der Arbeitsgemeinschaft Deut­scher Glaubensbewegung teil. Die daraus entste­hende Deutsche Glaubensbewegung unter Füh­rung von Hauer konnte anfäng­lich Erfolge erzielen, da die wichtigsten deutschgläubigen Gruppen in ihr aufgingen. Walbaum kriti­sierte an ihr aber, dass sie nicht nur antikirchlich, sondern auch anti­christlich war und daher kir­chenfernen oder kirchenkri­tischen Christen keine Heimat bieten könnte. Innere Spannungen zwi­schen liberaleren und völki­schen Teilen der Bewegung führten bis 1936 zum Rücktritt des Vorstan­des und brachten die Deutsche Glaubensbewegung ganz unter die Kon­trolle der SS. Da sich das NSRegime am Begriff „Bewegung“ störte, wurde sie 1937 in Kampfring Deutscher Glaube umbenannt. Wissen Sie, wie das Symbol des Kampfringes Deutscher Glaube aussah? Ich habe einen Briefkopf gefunden, der ein Wappen aufweist, das eine große Ähnlichkeit mit unserem bisherigen Sym­bol besitzt. Im Mai 1936 war Walbaum Mitbegründer der Wochenschrift „Deutsche Glaubensfrei­heit“, in deren Untertitel es hieß: „Ohne Juda, ohne Rom – bauen wir den deutschen Dom. Sammel­ruf zur deutschen Kirche art­eigenen, überkonfessionellen positiven Christentums“. Die Wochen­schrift war ausdrücklich auch ei­ne „neue Folge“ von „Der Freiprotestant. Deutsch-unitarische Blät­ter“, deren Jahrgangszählung sie übernahm. Walbaum redigierte die Wochenschrift, wenn auch nicht als Hauptschriftleiter. Das Ziel scheiterte, die freigläubigen und antikirchlichen Kräfte im Deut­schen Reich zu bündeln. Die Natio­nalsozialisten wollten keine neuen „Sondergemeinschaften“ an­erkennen, geschweige denn beste­hende längerfristig dulden, was Walbaum in einem Brief sorgen­voll fragen ließ, „ob die Partei es wagen werde, die gesamte religiöse Volksbetreuung von sich aus zu organisieren“. Altkanzler Hel­mut Schmidt schreibt in seinem jüngsten Buch, jemand müsse nicht „Heiliger sein, um Vorbild für dieses oder jenes werden zu können“, fragt aber: „Wie gehen wir da­mit um, wenn wir von einem Menschen, den wir als Vorbild empfinden, in anderen Zusammenhäng­en Negatives erfahren?“ Was haben wir also von Rudolf Walbaum zu halten? Auch wenn Walbaum seine Briefe 1941 mit „Heil Hitler, Es lebe das Vaterland!“ schloss, so zeigte er den­noch – und hier zitiere ich Christoph Knüp­pel – „wiederholt eine gewisse Distanz zum Nationalso­zialismus und hielt an der prinzipiellen Au­tonomie des Religiösen fest“. Zwar ist sein Leben und Wirken bisher nur in kleinen Teilen wissen­schaftlich aufgearbeitet, es bleibt aber festzuhalten: „Va­ter Walbaum“ – wie er von der ersten Gene­ration der Deutschen Unitarier gelegentlich genannt wurde – war ohne Zweifel bis zum Ende des Dritten Reiches aktiver Teil eines größeren Netzwer­kes völkischer und deutschgläubiger Personen, zu dem u. a. Friedrich Schöll, Gerhard Bednarski, Georg Stammler und Lothar Stengel-von Rut­kowski zählten. Waren Walbaum und seine deutsch­gläubigen Mitstreiter nur völkisch-religiöse Sek­tierer, die sich letztlich zu „nützlichen Idioten“ des NSRegimes gemacht haben? Und wie stand die Religionsgemeinschaft, bei der er als Pfarrer be­schäftigt war, zu die­sem Handeln? Die Gemein­schaft folgte ihm offenbar nicht in allen Ideen und lehnte verschiedene Mitgliedschaften in von Walbaum vertretenen Verbänden, wie z. B. dem Deut­schen Unitarierbund 1933, ab. Dennoch darf vermutet werden, dass die von Walbaum vertretene Spiritualität eines „Deutsch-Seins“ damals eine grundsätzliche Vereinbarkeit mit den freiprotestanti­schen Erwartun­gen seiner Gemeindemitglieder besaß und sich auch in seinem Handeln im Pfarramt niedergeschla­gen hat.


Deutsche Christen

Nach dem Kriegsende 1945 warb Walbaum dann aktiv in den Internierungsla­gern der Alliierten um Mitglieder für die Religionsgemeinschaft Freier Protestanten. Zum Zweck der Entnazifizierung und Umerziehung – der sogenannten re-education – wurden dort vorwiegend NS-Funktionäre und mut­maßliche Kriegsverbrecher gefangen gehalten. Im Lager Hohenasperg bei Ludwigsburg lernte Wal­baum auch den Religionslehrer und Deutschen Christen Reinhold Stark kennen, der schon wenige Jahre später Walbaums Amt in der Religionsgemeinschaft Freier Protestanten in Alzey übernehmen sollte. Walbaum hatte schon im Dritten Reich Kontakt zu deut­schchristlichen Kreisen gepflegt und bot so z. B. im Sommer 1936 den Thüringer Deutschen Chris­ten an, in seiner Wochenschrift „Deut­sche Glaubensfreiheit“ Texte zu veröffentlichen. Als völ­kisch geprägte Strömung des Protestantis­mus zielte die 1932 gegründete Kirchenpartei der Deut­schen Christen auf die Schaffung einer nach dem Führerprinzip strukturierten „Reichskirche“, auf den Ausschluss aller christlich bekehrten ehe­maligen Juden und eine „Entjudung“ der kirchlichen Botschaft durch Abkehr vom Alten Testament sowie die Ausdünnung und Umdeutung des Neuen Testaments. Schätzungen gehen für 1934/35 von etwa 600.000 Mitgliedern der Deutschen Christen aus.

Reinhold Stark gehörte zu den Radikalen unter den Deutschen Christen in Württemberg. Der 1901 Geborene wurde nach seinem Theologiestudium 1927 Pfarrer in Dobel im Nordschwarzwald. 1936 wechselte er als Studienrat an eine Oberrealschule in Ludwigsburg und 1941 als Oberstudien­rat nach Göppingen. 1938 war Stark stellvertretender Gaugemeindeleiter der Nationalkirchlichen Eini­gung. Nach Kriegsende wurde er aus dem Staatsdienst entlassen und 1947 interniert. Stark bezeich­nete den Nationalsozialismus vor Kriegsbeginn als „eine von Gott aus ewigen Tiefen hervorgerufe­ne Bewegung“ und „in religiöser Beziehung die Vollendung der Reformation Luthers […], d. h. die völlige und reine Wiederherstellung des ursprünglichen – von allen moralischen und dogmatischen Einengungen durch Menschen – befreiten Christentums“. Er sollte so die Grundlage für eine „un­dogmatische“ und „entkonfessionalisierte Religiosität“ der Deutschen bilden. Stark sah in Jesus „nicht einen Angehörigen des Judenvolkes, sondern einen dem deutschen Wesen ver­wandten Men­schen“. Starks deutsch-christliches Bekenntnis lautete: „Der Schöpfer hat uns als deutsche Men­schen in unser geliebtes deutsches Volk hineingestellt, damit wir mit unseren Gaben und Fähigkei­ten an seinem inneren und äußeren Aufbau mitarbeiten. Wenn wir tapfer und fröhlich unser Leben im Dienst für Führer und Volk einsetzen, steht unser und unseres Volkes Leben unter dem Segen Gottes und der Ewigkeit.“ In Adolf Hitler erkannte Stark „das Werkzeug Gottes, durch ihn waltet die Vorsehung, sein Geist geht nicht unter, sondern geht mit gewaltigen Flügel­schlägen über unser Volk, ja über die ganze Welt, auch dann, wenn er die Augen schließt.“ Nach anfänglichen Erfolgen kam es innerhalb der Deutschen Christen zu Richtungsstreitigkei­ten. Wurde sie als Gegenbewegung innerhalb der evangelischen Landeskirchen zu Beginn vom Nationalsozialismus noch unterstützt, so war dem NS-Regime nach Kriegsbeginn eine „befriedete“ Amtskirche wichtiger. Starks Rolle in dieser Zeit ist noch unklar, da wenig erforscht. Dass er im Internierungslager die Einladung Wal­baums in die wachsende freiprotestantisch-unitarische Gemeinschaft annahm, ist jedoch verständ­lich, denn als entlassener Religionslehrer mit deutschchristlicher Vergangenheit waren seine berufli­chen Perspektiven alles andere als rosig. Er wird aber auf die Pfarrstelle in Alzey empfohlen und führt diese, anfänglich unter dem Namen Unitarische Religionsgemeinschaft Freier Protestanten fir­mierenden abgespaltenen Urgemeinden, bis zu seinem Tod 1963. Hat Stark in dieser Zeit die oben schon erwähnte „freiprotestantische Tradition“ in Alzey weitergeführt? Oder hatte sich diese viel­leicht schon unter Walbaum verändert, der über fast 40 Jahre einer ihrer prominentesten Vertre­ter war?


Gottgläubige

Der deutsche Arzt Hermann Gauch notierte am 19. August 1946 in sein Tagebuch: „Ich stehe seit ei­niger Zeit mit dem Leiter der seit 1876 staatlich anerkannten ‚Freiprotestantischen Religionsge­meinschaft' (Sitz: Alzey bei Worms) in Verbindung. Einem 70jährigen Pfarrer Rudolf Walbaum, der viel Wärme ausstrahlt. [...] Indem der Freiprotestantismus die Göttlichkeit Jesu ab­lehnt, ist er nicht nur nichtchristlich, sondern tatsachlich antichristlich. Ich habe jedenfalls die Ab­sicht, mich dieser freiprotestantischen Religionsgemeinschaft anzuschließen, werde meine Freunde auf diese Religi­onsgemeinschaft aufmerksam machen und alles tun, was diese Gemeinschaft för­dern kann. Sie wirkt auf mich wie 1876 für uns heute geschaffen! Den Neugründungen deutsch­gläubiger Bünde dürfte die Militärregierung sehr misstrauisch gegenüberstehen und in ihnen ‚ge­tarnte nazistische Vereinigungen‘ sehen. Es ist aber wohl auch erfolgversprechender und taktisch richtiger, wenn wir aus einer bereits seit 70 Jahren anerkannten und den Kirchen gleichgestellten Religionsgemein­schaft versuchen, unser Volk religiös zu machen! […] Die Freiprotestantische Religionsgemein­schaft hat auch in anderen Völkern (England, Amerika, Ungarn usw.) viele Anhänger. Dort nennen sie sich ‚Unitarier‘. Vielleicht glückt diesem Freiprotestantismus die religiöse Durch­glutung unseres Volkes – und Europas.“ Hermann Gauch war im Dritten Reich kein Unbekann­ter. Als NS-Rassen­forscher und zeitweiliger Adjutant des Reichsführers-SS Heinrich Himmler be­saß er eine gewisse Prominenz, auch wenn er wegen seines politisch nicht immer zweckdienlichen Rassismus wieder­holt in nationalsozialistischen Kreisen in Ungnade fiel.

Ende September 1946 lautete ein Tagebucheintrag dann: „Übertritt zur Freiprotestantischen Religi­onsgemeinschaft als einer Religionsgesellschaft des öffentlichen Rechts zusammen mit Ehefrau und Sohn Sigfrid. Bescheinigt von Pfarrer Rudolf Walbaum,

Alzey.“ Gauchs Sohn Sigfrid zufolge hatte der formale Übertritt der Familie zu den Freiprotestan­ten lediglich taktische Gründe, einen weitergehenden Kontakt zu der Gemeinschaft pflegten die Gauchs nicht. Walbaum kam 1947 auch mit dem im Internierungslager Hohenasperg einsitzen­den SA-Dichter Herbert Böhme in Kontakt. Auch Böhme war im Nationalsozialismus kein Unbe­kannter. Er war in leitender Stellung im Kultur- und Propagandabereich tätig und als „Leidenschaft­licher Verkünder der Ideale des Dritten Reichs“ wurden seine Gedichte vielfältig abgedruckt. Böhme und Walbaum pflegten Briefkontakt, und Böhme gründete noch im Internierungslager eine freiprotestantische Gruppe der Alzeyer Gemeinschaft. Nach Walbaums Tod glaubte der mittlerweile entlassene Böhme, seinen Führungsanspruch in der Gemeinschaft durchsetzen zu können, und ließ sich auf dem zweiten Klüttreffen im April 1948 zum Ersten Sprecher wählen. Nachdem er auf eben diesem Treffen auch eine Gedächtnisfeier für den Verstorbenen gehalten hatte, ließ er sich im kleinen Kreis zu der Bemerkung hinreißen: „Walbaum ist für uns gerade zur rechten Zeit gestorben, sonst wäre es heute zum Bruch, zur Trennung gekommen.“ Diese Trennung ließ sich aber längerfristig dennoch nicht vermeiden, ein Bruch verlief durch die neuen Gemeinden rechts des Rheins: „Christlich gegen unchristlich!“ so bezeichnete Böhme in einem Rundbrief an seine unmittelbaren Gefolgsleute die Trennlinie innerhalb der Gemeinschaft. Hier die Gottgläubigen unter der Führung von Friedrich Schöll und Herbert Böhme, dort die ehemaligen Deutschen Christen unter Reinhold Stark, Emil Engelhardt und Walter Schacht. Aber auch die rheinhessischen Urge­meinden waren in zwei Lager gespalten, so dass sich Böhme auf Unterstützung aus deren Reihen verlassen konnte. Böhme fragte: „Sollen wir nun wieder Schablone werden, jetzt aber nicht mehr nach römischer Art, sondern nach amerikanischer oder englischer, oder wie man will, etwa nach rheinhessischer Art. Das würden uns die Amerikanischen und Englischen Unitarier ebenso übel nehmen wie die wahrhaftig freien Protestanten unserer Urgemeinden, denn dann hätten wir den Sinn unseres Auftrags verkannt und verspielt. […] Rudolf Walbaum ging klar und bewusst einen anderen Weg […]. Er suchte seinen Weg auf dem Grunde aller Erkenntnisse, um zur Wahrheit zu kommen. Ich wäre nicht freier Protestant geworden, wenn ich mich nicht bis auf diesen Grund mit ihm darüber schriftlich und mündlich einig geworden wäre.“ Wusste Walbaum, wer da nach Kriegsende in seine freiprotestantische Gemeinschaft eingetreten war? Es kann Walbaum wohl nicht verborgen geblieben sein, wer Gauch, Böhme oder Stark waren und was diese dachten, denn Walbaum sah seine Gemeinschaft „verpflichtet, denen eine helfende und schützende Hand zu bie­ten, die – aus Verführung zu einem gottfernen Leben erwachend – in anderen Religionsgemein­schaften keine rechte Antwort mehr auf die Fragen ihres Gewissens finden konnten und können.“ Dass es auch andere Motive für einen Beitritt zur Gemeinschaft geben konnte, war Walbaum schon bewusst, wenn er weiter schreibt: „Die Religionsgemeinschaft Freier Protestanten wendet sich da­mit an die religiös Heimatlosen und Suchenden. Nur diese sind gerufen, nicht aber diejenigen, die in einer religiösen Zugehörigkeit ein zweckdienliches Mittel sehen.“ Wie aber ist es zu verstehen, wenn Walbaum schreibt, dass für den freien Protestanten Religion auch „vertrauensvolle Schicksals-, Leid- und Todbereitschaft“ bedeutet und „Anerkennung der natürlichen Ordnungen der Menschheit als göttliche Gegebenheiten“?


Zwischenfazit

Wie es in diesen Beispielen aufscheint, waren völkisch-religiös geprägte Mitglieder im ersten Nach­kriegsjahrzehnt keine Ausnahme in der freiprotestantisch-unitarischen Gemeinschaft, weder in den rheinhessischen Urgemeinden noch in den rechtsrheinischen neuen Gemeinden. Ihnen stand aber ei­ne wachsende Zahl von Mitgliedern gegenüber, die eine liberale und weltoffene Hal­tung vertraten. Ein Beispiel ist Eberhard Achterberg aus der Kriegsgeneration, der lange Jahre Schriftleiter der Zeitschrift Glaube und Tat war. Achterberg hat – wie ich schon in meinem Göttin­ger Vortrag aufge­zeigt habe – seine Haltung und sein Tun im Dritten Reich als falsch erkannt und auch so benannt. Nach dem Kriegsende suchte er dann bewusst eine Neuorientierung für sich und war bemüht, diese auch anderen zu vermitteln. Dennoch hatten Schöll wie auch Böhme und Stark in den Jahren 1945-1955 in nicht geringem Maße Einfluss auf die formulierten religiösweltan­schaulichen Positionen in­nerhalb der Gemeinschaft und wurden deshalb auch von Außenstehenden als deren maßgebliche Anführer wahrgenommen. Böhmes Versuche schließlich, das Unitarische als einen Teil eines natio­nal-politischen Kulturverständnisses zu vereinnahmen und politisch zu benutzen, stießen auf erheb­lichen Widerstand in der Gemeinschaft und führten dazu, dass er seine Ämter niederlegte und das Deutsche Kulturwerk Europäischen Geistes zu seinem neu­en Wirkungsfeld machte. Schon Wal­baum hatte postuliert: „Politische Betätigung gehört nicht zu den Aufgaben der Religionsgemein­schaft. Darum ist innerhalb der Religionsgemeinschaft jede Be­tätigung solcher Art verfassungswid­rig und untersagt. Wer sich gegen die Grundsätze der Gemein­schaft vergeht, verliert die Mitglieder­rechte.“ Die Tagebuchnotiz Gauchs ist ein klarer Beleg für die Absicht deutschgläubiger Altnazis, schon kurz nach Kriegsende die etablierte Religionsgemeins­chaft Freier Protestanten als Tarnung zu nutzen. Dass diese Strategie aber nicht erfolgreich war, zei­gen die liberalen Haltungen der überwie­genden Gemeinschaftsmitglieder in religiöser wie weltan­schaulicher Hinsicht wie auch die seit 1955 verstärkt gepflegten internationalen Kontakte und Akti­vitäten - und die fast schon vergessene innergemeinschaftliche Opposition der Jüngeren.


Der Göttinger Kreis

Den meisten wohl unbekannt und selbst vielen seiner Teilnehmer in seiner Be­deutung nicht bewusst ist der so genannte Göttinger Kreis. 1964 formierte sich diese Gruppe junger Unitarier, die dem Bund Deutsch-Unitarischer Jugend zwischenzeitlich entwachsen waren. Sie tra­fen sich 2-3mal jähr­lich, um in „vollendet

unorganisierter Form“ – wie es programmatisch hieß – aus der Freude an geistiger Auseinanderset­zung an der Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik mit- und dem „Einfluss autoritärer Bestre­bungen entgegenzuwirken“. Dazu gingen sie auch in Opposition zu den amtierenden Person­en der Religionsgemeinschaft. Sie vermissten wichtige Impulse für die Weiterentwicklung der Deutschen Unitarier. In diesem Sinne wirkten sie konkret auch auf einen Wechsel in der Schriftlei­tung von Glaube und Tat hin. Die Hefte seien langweilig in der Begrenztheit ihrer Themenkreise, „in vielen Artikeln nicht freigläubig und damit im Widerspruch zu den Leitgedanken“. Der Göttin­ger Kreis wünschte sich Eberhard Achterberg in dieses Amt. Auf den Treffen des Göttinger Kreises wurden Themen diskutiert wie Demokratisierung, Sexualität im Jugendalter, Liberalismus oder Quantentheo­rie. Dabei war man sich einig, dass die „intellektuelle Redlichkeit“ es erfor­dert, dass je­der die unbeweisbaren Annahmen seiner Anschauungen klar herausstellt. Das kritische Denken, das sich in den „langen 1960er Jahren“ (1958 bis 1973) in der bundesrepublikanischen Öf­fentlichkeit verbreitete und in den Studentenunruhen 1967/68 gipfelte , griff, wie in den etablierten Kirchen, auch unter jungen Unitariern um sich. Im Vorfeld des Unitariertags 1965 in Bonn lehnten Mitglieder des Göttinger Kreises es ab, die von Sigrid Hunke geschriebenen Liedertexte dort ge­meinsam zu singen, und hinterfragten die politische Integrität wichtiger Redner dieser Veranstal­tung. Auf dem Unitariertag selbst initiierten sie ein kritisches Podiumsgespräch zur künftigen Ent­wicklung der Deutschen Unitarier, wurde ihnen doch von den älteren konservativen Mitgliedern „Panliberalis­mus“ vorgeworfen. Noch maßgeblicher als der unmittelbare Einfluss des Göttinger Kreises auf das Gemeinschaftsleben war dessen mittelbare Wirkung

über seine Teilnehmer, von denen nicht wenige in den Folgejahren wichtige Ämter im Vorstand der Religionsgemeinschaft wie auch in wichtigen Gremien wie dem Geistigen Rat innehatten. Einige wenige Namen seien hier stellvertretend für die Gruppe genannt: Horst Prem (später Präsident), Gudrun Schmidt-Kärner (später Amt für Gemeindearbeit), Helmut Kramer (später Landesgemein­deleiter in Hamburg) oder nicht zuletzt Wolfgang Deppert (später Mitglied im Geistigen Rat). Der Göttinger Kreis bestand bis in die Mitte der 1970er Jahre. Seine Geschichte wie auch seine Rolle in­nerhalb der Gemeinschaft bedürfen ebenfalls noch einer weitergehenden Aufarbeitung, dennoch macht er deutlich, dass die Religionsgemeinschaft seit Kriegsende durchaus eine Entwicklung durchlaufen hat – auch wenn diese im Vergleich mit der Vergangenheitspolitik und Vergangenheits­bewältigung in der Bundesrepublik Deutschland sowie in den Kirchen bislang weniger öffentlich wahrnehmbar war.


Resümee und Ausblick

Aus meiner Sicht gibt es in der Rückschau fünf Generationen, die jeweils für einen eigenen Um­gang mit dem Unitarischen stehen:

1. Die Vorkriegsgeneration, die noch im wilhelminischen Denken erzogen wurde und im Unitari­schen eine Weiterführung der revolu

tionären Ideen von 1848/49 und der freigläubigen Bewegung erkannten.

2. Die Kriegsgeneration, die in der Not der Erklärung des Nationalsozialismus und der Überwin­dung dessen „Erbes“ stand. Das Unitarische war ihr Tradition und Perspektive.

3. Die Kriegskindergeneration, die eine ethisch(-religiös)e Neuorientierung suchte und sich mit der als unzureichend empfundenen Aufarbeitung durch die Kriegsgeneration „herumschlug“. Das Uni­tarische war ihr Aufforderung, alles zu hinterfragen, und Verpflichtung zu unbedingter Demokratie und Vernunft. Rituale wurden abgelehnt und die Abgrenzung zum Christlichen wurde durch eine solche gegenüber dem Mystisch-Esoterischen ersetzt oder ergänzt.

4. Die Kriegsenkelgeneration, die die Orientierungssuche ihrer Eltern nicht nachvollziehenkonnte und im Unitarischen zuweilen Beliebigkeit oder auch Orientierungslosigkeit sah, was dazu führte, dass an die Gemeinschaft keine Erwartungen mehr gestellt wurden oder es sogar zur Abwendung von der Gemeinschaft kam.

5. Die Kriegsurenkelgeneration, für die das Unitarische heute mangels Wissen und Erfahrung nur noch geringe inhaltliche Bedeutung hat. Sie ist, wie auch schon ihre Elterngeneration, unitarisch so­zialisiert und nimmt das „Unitarier-Sein“ als ebenso selbstverständlich hin, wie ihre Mitglieder auch „Europäer“, „Deutsche“ oder „Wormser“ sind – aber nicht als Abgrenzung gegenüber anderen, sondern als „Verortung“ im größeren Ganzen. Ihnen fehlt aber die große unitarische „Erzählung“; sie sind sozusagen geschichtslos aufgewachsen

und leiden derzeit keinen bewussten Mangel, der es erfordert, für, gegen oder um etwas zu kämp­fen. Warum haben sich die Mitglieder in der Vergangenheit aber nicht mit Vehemenz gegen als falsch erkannte Ansichten gewehrt und sie öffentlich zurückgewiesen? Mein Eindruck ist, dass der Einzelne für sich diese „Lehren“ der Vorkriegs- und Kriegsgenerationen längst ad acta gelegt hatte und daher gar keine Notwendigkeit – geschweige denn eine Verpflichtung – sah, hier noch mal den gemeinschaftlichen „Keller der Tradition“ auszukehren und die falschen Ansichten öffentlichkeits­wirksam auf den Müllhaufen zu befördern. Die Deutschen Unitarier haben in den vergangenen hun­dert Jahren viel Energie aufgewandt, um sich gegen andere abzugrenzen; nach außen gegen die Kir­chen und gegen esoterische Gruppierungen, nach innen gegen christliche und antichristliche Sicht­weisen, gegen religiöse und atheistische Positionen, gegen rechte und linke Politiken. Mit gleicher Intensität wurde die eigene Identität entwickelt und beschworen. Die Grundgedanken wurden erar­beitet und verfeinert, um Name und Symbol gerungen und Rituale erst ganz verworfen, um sie dann wieder zaghaft zuzulassen. Die Grundmelodie der letzten zehn Dekaden war somit Abgrenzung und Identitätssuche. Wir haben als deutsche Unitarier mit viel Energie versucht, kleine Bäche zu einem kleinen Fluss zusammenzuleiten, und mussten doch feststellen, dass viel Wasser versickert und ver­dunstet, bevor der Rest in einem gemeinsamen Bett zusammenfließen kann. Ich möchte Sie daher einladen, mit mir zusammen ihre Perspektive auf unsere Situation in Deutschland zu ändern. Lassen Sie mich dazu einen Vergleich anstellen: Auf jeden von uns kommen fast 300 Unitarier irgendwo in der Welt!

Sehen wir die Unitarier nicht mehr als ein deutsches Flüsschen, dessen Flussbett wir mühevoll for­men müssen und das uns Sorge macht auszutrocknen, sondern sehen wir uns Unitarier in Deutsch­land viel bewusster – und auch selbstbewusster – als einen der Zuflüsse zu einem weltweiten unita­rischen Strom.

» Ein weltweiter unitarischer Strom, der durch uns ein bisschen kräftiger wird und in dessen brei­tem Bett wir mitfließen können,

» ein weltweiter unitarischer Strom, in dem wir die Idee der Laiengemeinschaft aus religiöser Überzeugung kraftvoll vertreten können und an dessen ritueller Vielfalt und Ideenreichtum wir teil­haben können, und

» ein weltweiter unitarischer Strom, in dem wir die Erfahrungen aus der Geschichte unseres Landes und der unserer eigenen Gemeinschaft mahnend einbringen und voller Überzeugung für Demokra­tie und Menschenrechte eintreten können.

Wir können unsere Geschichte als eine schwere Bürde empfinden, die wir lieber vergessen wollen. Wir können sie aber auch als eine Chance verstehen, indem wir uns ihr bewusst stellen. Erinnern Sie sich noch, was die zentralen Elemente des völkischen Weltbildes ausmachten: „Ein Volk, ein Reich, ein Glaube“. Der entsprechende unitarische Dreiklang lautet dagegen: „Eine Menschheit, ei­ne Welt, eine Liebe“. Gibt es eine größere weltanschauliche Distanz?