Unitarismus

Die Geschichte der Unitarier lässt sich bis zur Reformationszeit zurückverfolgen. Die ersten Unitarier gehörten zur radikalen Reformation, da ihnen die Reformatoren Luther, Zwingli oder Calvin nicht weit genug gingen. Man nannte sie damals zumeist Antitrinitarier, weil sie die Lehre von der Dreieinigkeit ablehnten. Deshalb wurden sie sowohl in katholischen als auch in evangelischen Ländern verfolgt. Der berühmteste Antitrinitarier, der spanische Arzt Michel Servet, wurde 1553 in Genf lebendig verbrannt.

Diese frühen Unitarier waren Einzelpersonen, die zwar durch Veröffentlichungen, Briefkontakt und gelegentliche Besuche miteinander in Verbindung standen, aber noch keine feste Kirchengemeinschaft bildeten. Nur in zwei Ländern Europas konnten unitarische Kirchen entstehen: in Polen und in Siebenbürgen (im heutigen Rumänien), wo tolerante Herrscher die Existenz mehrerer Konfessionen erlaubten. Aus Streitigkeiten und Spaltungen innerhalb der reformierten Gemeinden gingen dort unitarische Kirchenorganisationen hervor, in denen sich die Gegner des Trinitätsdogmas sammelten. In Siebenbürgen entstand unter der Leitung des Hofpredigers Franz David eine Glaubensgemeinschaft, die 1568 zum ersten Mal als Unitarier bezeichnet wurde. 1571 gab König Johann Sigismund auf dem Landtag in Torda seinen Untertanen die Religionsfreiheit, wodurch auch die unitarische Kirche offiziell anerkannt wurde. Die Nachfahren dieser siebenbürgischen Unitarier leben bis heute in Ungarn und Rumänien. In Polen entwickelte sich unter dem Einfluss des italienischen Theologen Fausto Sozzini die Kirche der Polnischen Brüder, die auch Sozinianer genannt wurden. Im Rakówer Katechismus von 1605 fassten die Polnischen Brüder die Grundsätze ihres unitarischen Glaubens in systematischer Form zusammen. Bereits in der Mitte des 17. Jahrhunderts aber wurde die unitarische Kirche in Polen durch die Gegenreformation wieder ausgelöscht.

Flüchtlinge aus Polen brachten unitarisches Gedankengut in die Niederlande und weiter nach England. Im 17. Jahrhundert wirkte dort der Prediger John Biddle, der „Vater“ des englischen Unitarismus, der für seine Überzeugungen mehrfach inhaftiert wurde und schließlich ins Exil gehen musste. Auch der Philosoph John Locke und der Physiker Isaac Newton vertraten unitarische Überzeugungen, blieben dabei aber Mitglieder der englischen Staatskirche. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts bildeten sich auch in Großbritannien unitarische Kirchengemeinden. Der anglikanische Geistliche Theophilus Lindsey verließ 1774 die Staatskirche und gründete in London die erste unitarische Kirche Englands. Der bekannteste englische Unitarier dieser Zeit war der Chemiker Joseph Priestley, der Entdecker des Sauerstoffs. 1825 erfolgte der Zusammenschluss zur British and Foreign Unitarian Association.

Auch in Amerika entstanden im 18. Jahrhundert erste unitarische Gemeinden. Die erste davon konstituierte sich 1785 in Boston, als eine Gemeinde der Kongregationalisten zum Unitariertum übertrat. Weitere ehemals kongregationalistische und presbyterianische Gemeinden folgten. Auch bekannte Einzelpersönlichkeiten wie Benjamin Franklin oder Thomas Jefferson, der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung, standen dem Unitarismus nahe. 1825 schlossen sich die unitarischen Gemeinden der USA zur American Unitarian Association zusammen. Im 19. Jahrhundert wurden die amerikanischen Unitarier von Theologen wie William Ellery Channing und Theodore Parker geprägt. Weitreichenden Einfluss entfaltete ein ehemaliger unitarischer Geistlicher, der Dichter und Philosoph Ralph Waldo Emerson. In dieser Zeit entfernten sich die amerikanischen Unitarier zunehmend vom traditionellen Christentum. Die Bibel wurde als Glaubensgrundlage aufgegeben. Die Vorstellung von einer persönlichen Gottheit wich einer pantheistischen Anschauung, die Gott und Natur als Einheit betrachtete. Amerikanische Unitarier engagierten sich auch für politische und soziale Belange wie die Sklavenbefreiung.

Im 20. Jahrhundert verbreitete sich der unitarische Gedanke von Großbritannien und den Vereinigten Staaten aus um die Welt. In Kanada, Australien, Neuseeland, Südafrika, Indien und verschiedenen anderen Ländern entstanden kleine unitarische Gemeinschaften. Aus den internationalen Kontakten mit anderen liberalen Religionsgemeinschaften entwickelte sich schließlich der Weltbund für religiöse Freiheit (International Association for Religious Freedom - IARF).

Siehe auch das Buch „Was glauben sie eigentlich“.

Zeittafel zur unitarischen Frühgeschichte

  • 325, Konzil zu Nicäa: Die Anhänger des Arius (Gegner des Trinitäts-Dogmas) unterliegen.
  • 381, Konzil zu Konstantinopel: Endgültige Formulierung des Dreieinigkeitsdogmas
  • 1510–1579, Franz David: Unitarischer Reformator Siebenbürgens
  • 1511(?)–1553, Michel Servet: Arzt, Kritiker des Dreieinigkeitsdogmas
  • 1539–1604, Fausto Sozzini: Organisator der Religionsgemeinschaft der Polnischen Brüder
  • 1565, Entstehung der Religionsgemeinschaft der Polnischen Brüder
  • 1569, Gründung der Stadt Raków: Zentrum der Polnischen Brüder bis 1638
  • 1568, Anerkennung der Unitarier als gleichberechtigte Religionsgemeinschaft durch den siebenbürgischen Landtag zu Torda (Toleranzedikt von Torda)
  • 1605, Rakówer Katechismus: Glaubensbekenntnis der Polnischen Brüder
  • 1615–1662, John Biddle: Vater des englischen Unitarismus
  • 1658, Ausweisung der Polnischen Brüder aus Polen und Litauen
  • 1733–1804, Joseph Priestley: Unitarischer Theologe und Schriftsteller
  • 1774, Gründung der ersten unitarischen Gemeinde in London
  • 1780–1842, William Ellery Channing: Vorkämpfer der amerikanischen Unitarier
  • 1785, King’s Chapel in Boston: Erste Kirchengemeinde in den USA, die sich zum Unitarismus bekennt
  • 1803–1882, Ralph Waldo Emerson: amerikanischer Philosoph und Unitarier
  • 1810–1860, Theodore Parker: amerikanischer unitarischer Pfarrer und Theologe
  • 1825, Gründung der „British and Foreign Unitarian Association“ und der „American Unitarian Association“
  • 1900, In Boston tagt der „Internationale Rat unitarischer und anderer religiös liberaler Denker und Tätiger“

Die Zeittafel wurde von Dr. Jörg Witzel zusammengestellt