Unitarier - Religionsgemeinschaft freien Glaubens e.V. Unitarier - Religionsgemeinschaft freien Glaubens e.V.

Mitgliederbericht: Der Unitariertag -- ein Raum für Freude

Sonja Böge berichtet über ihre schönen Erfahrungen beim Unitariertag

Der Unitariertag - ein Raum für Freude

Wenn ich an mein Leben zurückdenke, dann habe ich in meinem Kopf oft das Bild von Blättern im Herbst. Bunte Blätter. Rot, gelb, manchmal noch durchsetzt mit Grün, manchmal einfach nur braun und verdorrt. Manche noch heil und wunderschön, andere voller Löcher und ganz zerfetzt. Einige flattern noch glänzend durch die Luft, andere hängen noch am Baum, einige liegen am Boden, teils noch ganz frisch und glänzend von Regen oder Tau, andere schon verrottend und braun.

So wie diese Blätter im Herbst sind meine Erinnerungen. Manche sind schön und prächtig, andere verschwinden schon fast im Hintergrund, blass und scheinbar unbedeutend. Und andere sind braun, verdorrt und zeigen mir die Momente in meinem Leben, die sich, naja, fast verrottet anfühlen, braun, modrig und nutzlos.

Aber die braunen, faulen Blätter im Herbst, nass von Regen und leicht modrig von beginnender Fäulnis, sind nicht nutzlos. Und sie sind auch nicht etwas Schlechtes, das den Boden vergiftet. Bald werden sie zu Erde werden, aus der neue Pflanzen wachsen können. Vielleicht sogar Bäume, die dann im Herbst wieder ihre Blätter verlieren werden, nachdem sie im Frühjahr blühten und später vielleicht sogar Früchte getragen haben.

Und so sind meine Erinnerungen. Sie sind der Nährboden des Menschen der ich jetzt bin. Der Nährboden der Person, die sich letztes Jahr der Unitariergemeinde angeschlossen hat. Und vor allem, der Nährboden der Person, die an Pfingsten dieses Jahres am Unitariertag teilgenommen hat, und nun ein neues Blatt in den Herbst ihrer Erinnerungen einfügen kann.

Dieses Blatt ist besonders bunt und durchzogen mit einem wilden Muster an Farben, kräftig und leuchtend.

Ich habe an diesem Wochenende eine Erfahrung gemacht, die mich sehr überwältigt hat. Ich habe Menschen getroffen, die wirklich offen sind für Neues. Neue Ideen, wie die Idee von neuen und alten, erhaltenswerten Räumen. Seien diese physisch, wie ein öffentliches, unitarisches Wohnzimmer, ein Unitarierhaus, in das man andere einladen kann, unsere Werte miteinander zu teilen, oder digitale Räume, wie unser virtuelles Unitarierhaus, Rikas YouTube Channel, unsere neuen Online-Veranstaltungen wie das ‘Miteinander Reden’, durch das auch ich zu den Unitariern gefunden habe, oder unsere Webseite und noch vieles mehr, das noch kommen mag. Und auch offen für geistige Räume, wie die Bereitschaft für eine Zusammenarbeit mit anderen Menschen, auch wenn sie unsere Glaubensrichtung (noch?) nicht teilen, die Idee an einem guten Leben für alle mitzuarbeiten, der Wille sich die Offenheit und die Freude am Neuen zu bewahren und die Neugier andere Ideen und Meinungen kennenzulernen.

Ich habe erlebt, wie Menschen, die mich noch gar nicht kannten, oder nur mein Gesicht und meine Stimme aus dem Internet, sich geöffnet haben, um mich willkommen zu heißen. Ich habe die Freiheit erlebt, die Person sein zu dürfen, die aus dem Kompost meines Lebens gewachsen ist, mit allen Blüten, allen Blättern allen Früchten, aber auch allen Dornen und Ranken, Schrullen und Macken.

Ich war Willkommen. Das konnte ich fühlen. Nicht weil mir alle immer zugestimmt hätten. Nicht weil ich mit meinem Wachstum alles ungebremst überwuchern durfte, sondern weil man mir zugehört hat, weil ich anderen zuhören konnte. Weil man von mir gelernt hat und ich von anderen lernen konnte.

Damit habe ich den wichtigsten Raum gefunden, den wir in der Unitariergemeinde meiner Meinung nach haben: den Raum für Freude.

Den Raum mich zu freuen, dass ich da bin, mich zu freuen, dass andere da sind und mich zu freuen, dass ich nun ein Teil von euch sein kann, dass Ihr ein Teil meines Lebens sein werdet.

Ich habe am Abschluss unserer Wasserzeremonie mein Fläschchen wieder gefüllt. Ich schaue auf mein Regal und sehe die kleine Flasche mit etwas Rheinwasser und ein paar Kieselsteinen vom Rheinufer in Köln. Es gibt den Brauch, dass, wenn man einen Ort wiedersehen möchte, man ein paar Kieselsteine mitnimmt. Und wenn man sie gut aufbewahrt, dann kehrt man irgendwann zu ihrem Ursprungsort zurück.

Ich hoffe, dass das wahr wird und ich irgendwann zurückkommen werde.

Um euch alle wiederzusehen. Um mit euch weiter zu wachsen.

Sonja Böge

Unitarische Briefe 06.07.2022 - Seite 11